| Ostergottesdienst am 8. April 2010 in der Grazer Heilandskirche |
| Gedanken zu Lk 24, 13 - 35, Die Emmausjünger |
| Als Vorbemerkung will ich sagen, dass ich den Kirchenraum der Heilandskirche
wegen
seiner schönen Schlichtheit, wegen des eindrucksvollen Altarbildes,
wegen der
"
Bedenktafeln" zu den Gefallenen der Kriege, ein bemerkenswerter Umgang
mit der
eigenen Geschichte, und wegen der Menschen, denen ich hier begegnen durfte, überaus
schätze. Erst vor zwei Tagen, am Dienstag, habe ich hier mit unserem
Maturajahrgang des Jahres 1960 einen ökumenischen Wortgottesdienst
unter Leitung von Altsuperintendent Ernst Christian Gerhold und Bischofsvikar
Heinrich Schnuderl
gefeiert.
Das Evangelium, über das wir heute nachdenken, gehört seit meiner Jugend an zu den Lieblingstexten aus der Heiligen Schrift. Da sind zwei Jünger beschrieben, die von Jerusalem nach Hause, nach Emmaus, gehen! Die geheimnisvolle Weggeschichte, das vertrauensvolle Wort "Herr, bleibe bei uns", das "Erkennen beim Brotbrechen" und die Einsicht "Brannte nicht unser Herz, als er mit uns redete am Weg" sind für mich die Kernbotschaften. Ich greife einen Gedanken auf, die Weggeschichte. Der Weg ist Symbol für unser Leben. Der/die eine von uns hat schon einen längeren Weg zurückgelegt, der/die andere ist noch weniger weit gegangen, jede/jeder nach seinem Maß. Alle aber sind wir unterwegs und wir dürfen hoffen und nahezu gewiss sein, dass dort, wo wir über die wesentlichen Themen des Lebens miteinander reden, und nur die können unsere Herzen zum brennen bringen, Gott mit uns ist. Denn "wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen": Wenn wir mit Freunden/innen zusammen sind, kann ich reden über mich, was mich freut und was mir Sorgen bereitet. Und es ist jemand da, der mir zuhört. Das ist die Botschaft der Weggeschichte nach Emmaus. Ich wollte beim Hören oder Lesen dieses Textes stets einer der beiden Jünger auf den Weg nach Emmaus sein. Und jetzt ein Experiment: Jeder von uns hier in der Heilandskirche möge sich in die Lage versetzen, mit einem/r Freund/in auf dem Weg zu sein. Mit wem würdest du gerne gehen? Welche Fragen liegen dir am Herzen? Ich will mir heute als Jüngerin, als Begleiterin, Frau Pfarrerin Strid wünschen. Ich denke, wir würden ein gutes Paar abgeben. Ich würde Frau Pfarrerin von meinen Weg erzählen: Zunächst von meiner sechs Wochen jungen Enkelin, über die ich mich mächtig freue. Ich würde von der bevorstehenden Tauf am Pfingstmontag in Wien, zu der auch mein Sohn aus Vancouver als Taufpate kommt, reden. Ich würde den Text der Geburtsanzeige vorlesen, den meine katholische Tochter Judith und mein Schwiegersohn Ryan, der ohne religiöses Bekenntnis ist, ausgewählt haben. Es sind die Verse 11 und 12 aus dem Psalm 91 in der Übersetzung von Martin Luther: "Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen, und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest". Und ich würde reden über ein Thema, das viele, so auch mich, beschäftigt: Unausweichlich denken wir auch in diesen Tagen an die ständig vernehmbaren Berichte des Missbrauchs innerhalb und außerhalb von katholischen Einrichtungen, wo Vertrauen missbraucht wurde, wo Erwartungen enttäuscht und Lebensqualität nicht gemehrt, sondern gemindert wurden. Jesus wollte, dass sie das Leben haben und es in Fülle haben. Und viele seiner Diener haben Leben verdunkelt, Lebensperspektiven verstellt, Visionen zerstört. Die, die Künder der Freude sein sollen, haben Leid in das Leben junger Menschen gebracht. Bei meiner Kirche im Strom der Zeit scheint es ähnlich zu sein, wie bei einem Fluss: wenn er schon weit weg ist von der Quelle - und in diesen Strom viele andere Gewässer und Flüsse münden: dann besteht die Gefahr der Verunreinigung und es bedarf der Reinigung. Rückbesinnung auf das reine Wasser der Quelle ist angesagt. Und ich würde auch erzählen vom Mitte Mai beginnenden Gerichtsprozesses in der Sache unseres Kollegen Hannes Watzik. Ein gerechtes Urteil soll in den vier Verhandlungstagen gefunden werden, wobei die Gerechtigkeit von Menschen eine andere Qualität hat als die Gerechtigkeit Gottes. Er kann und wird Gerechtigkeit mit Barmherzigkeit verbinden. Und ich würde Frau Pfarrerin Strid erzählen von meinem sich zu Ende neigenden Weg an unserer Schule. Jene Person soll meine Nachfolgerin oder mein Nachfolger werden, dem wir - in erster Linie Lehrer/innen, aber auch Schüler/innen und Eltern - diese Aufgabe zutrauen. Es soll jene Frau oder jener Mann werden, zu der/zu dem Vertrauen aufgebaut werden kann. Die Kinder und Jugendlichen und deren fundierte Ausbildung und Bildung sollen dem kommenden Direktor/der kommenden Direktorin vor allem anderen am Herzen liegen. Darum dürfen wir auch beten. Und abschließend zurück zum Experiment: Jeder von uns hier in der Heilandskirche geht auch nach diesem Ostergottesdienst seinen Weg gleichsam zum eigenen Heimatort Emmaus, mit den selbst erwählten Freunden und mit den persönlichen Fragen im Herzen. Alle von uns, besonders die, die an die Auferstehung zu glauben versuchen, dürfen berechtigt hoffen, dass Jesus als beschützender und orientierender Begleiter mit auf dem Weg dabei ist: Wo zwei oder drei in seinem Namen unterwegs sind, ist er mitten unter ihnen. Und er hat seinen Engeln befohlen über dir, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen, und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Das ist mein Wunsch für euch alle. Das ist die christliche Botschaft von Ostern. |
Josef Wilhelm 8. April 2010 |