
Latein auf Stein
Eine österreichische Aktion in Wien präsentiert
In einer gut besuchten Veranstaltung im Festsaal der Wiener Universität wurde am 14. Jänner 1997 das Ergebnis des österreichweiten Unterrichtsprojektes Latein auf Stein vorgestellt. Nach Grußworten durch den Dekan der Geisteswissenschaftlichen Fakultät, Prof. Dr. Franz Römer, sprach Prof. Dr. Ekkehard Weber (Institut f. Alte Geschichte, Altertumskunde und Epigraphik) kurz über die Bedeutung der Inschriftkunst der Römer, die überhaupt die ersten waren, welche die Kultur der Inschrift in unser Land einführten und durch ihr "Latein am Stein" die heimische Bevölkerung sowohl mit dem Latein als auch mit ihrer Kultur in Berührung brachten. Damals habe man Lesen und Schreiben auch durch Latein auf Stein gelernt, und zwar in der gewöhnlichen Alltagssprache, die sich an den einfachen Viator, den "Wanderer" richtete - in unserer Sprache der Passant, der (zufällig) Vorübergehende, für den die Inschrift bestimmt ist. Prof. Dr. Kurt Smolak (Institut f. Klassische Philologie) verfolgte dann die Tradition der lateinischen Inschrift weiter und spannte den Bogen vom Mittelalter über die Neuzeit bis in die unmittelbare Gegenwart. Mit überzeugenden Beispielen belegte er, wie Latein als übernationale und überzeitliche Sprache durch Jahrhunderte hindurch für Inschriften prädestiniert war und dabei der Repräsentation und Propaganda von Herrscherhäusern und Adel diente, aber auch der katholischen Kirche, der Wissenschaft, Kunst und Musik verpflichtet war. Als aktuellstes Beispiel konnte er auf die japanischen Verse verweisen, die von Dr. Paul R. Lorenz, einem Mitarbeiter seines Instituts, auf japanisches Ersuchen hin in lateinische Disticha übersetzt wurden und als monumentale Inschrift, welche auf die europäische Wissenschaftstradition verweist, auf dem neuen Hauptgebäude der Tokai-Universität in Tokyo angebracht werden sollen. (Siehe IANUS 1996, S. 38).
Schließlich stellte der Unterzeichnete als Initiator des Projektes das Ergebnis der Aktion vor, zu der im Herbst 1994 die SODALITAS (Bundesarbeitsgemeinschaft Klassischer Philologen Österreichs) zum Österreich-Millennium 1996 die Latein- und Geschichtslehrer eingeladen hatte (siehe auch ÖGL 4/1994 S. 285, und ÖGL 1/1996 S. 62 f.). Insgesamt 53 Arbeitsgruppen von 51 Gymnasien in Österreich und Südtirol - das ist fast ein Viertel aller Allgemeinbildenden höheren Schulen - hatten sich an diesem fächerübergreifenden Projekt beteiligt, über 2000 nach-antike lateinische Inschriften wurden dabei entdeckt, aufgezeichnet, übersetzt, fotografiert, in den Computer eingetippt, auf Diskette gespeichert und - soweit möglich - in den historischen Kontext eingeordnet. Diese Inschriften spürten die Schüler zumeist auf öffentlichen und historischen Gebäuden auf, in Burgen und Schlössern, in Kirchen, Klöstern, Kreuzgängen, auf Denkmälern und Bildstöcken, über Toreinfahrten, in Prunksälen, auf Statuen, Sonnenuhren, Brunnenanlagen, Stadtmauern, Türmen und anderswo. Diese Inschriften umfassen oft nur wenige Worte, sind aber bisweilen auch von beachtenswerter Länge und Ausführlichkeit, sind in Vers oder in Prosa abgefaßt, zitieren oft klassische oder christliche Autoren, sind aber auch ganz selbständige, vielfach anonym verfaßte Kurztexte. In jedem Fall haben diese Inschriften eine Botschaft mitzuteilen, nicht nur den Betrachtern von einst, sondern auch den heutigen Menschen. Diese Botschaft richtet sich an alle, an jeden Menschen, der die Inschrift zu Kenntnis nimmt, sie lesen kann und Latein versteht. Dieser öffentliche Charakter der Inschrift gibt ihr den didaktischen Wert. Inschriften gehen alle an, es müßten sich eigentlich alle dafür interessieren, die sie sehen. Ihr elementares Verständnis sollte ein Teil der Allgemeinbildung sein. Lateinische Inschriften sind zudem häufig ein Mittel der Erinnerung an vergangene Ereignisse, die sie zugleich vergegenwärtigen, damit Einst und Jetzt verklammern und eine identitätsstiftende Funktion erfüllen können. Gerade für das Jahr des Millenniums, des Gedenkens des 1000jährigen Namens Österreich, konnte es sinnvoll erscheinen, sich vergangener Ereignisse zu entsinnen, die durch Inschriften belegt und bezeugt sind und dadurch leichter verlebendigt werden. Einige ausgewählte Beispiele, die kurz kommentiert wurden, sollten diese Darlegungen veranschaulichen und zugleich Einblick in das reiche Fundmaterial geben. Hierauf dankte der Referent allen beteiligten Kolleginnen und Kollegen für die Mitarbeit und der Inschriftenkommission bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften für ideelle und praktische Unterstützung. Zum Abschluß appellierte er an die anwesenden Lateinlehrer und Historiker, das Thema Latein auf Stein auch in Zukunft nicht aus den Augen zu verlieren. Von einer vollständigen Erfassung der nach-antiken lateinischen Inschriften Österreichs könne trotz des jetzigen Erfolges keine Rede sein, und auch künftigen Generationen von Schülern sollte wenigstens ein elementarer Einblick in das steingewordene, in unserer Umwelt allgegenwärtige Latein vermittelt werden. - Über die praktische Arbeit an diesem Projekt berichteten dann Frau Mag. Elisabeth Glavic als Philologin und Frau Mag. Christiane Schribertschnig als Historikerin, beide vom Akademischen Gymnasium in Graz. In anschaulicher Weise zeigten sie die Schwierigkeiten und Nöte in der Durchführung, mögliche Verfahrensweisen und nötige Hilfestellungen, aber auch Problemlösungen und Erfolgserlebnisse der Schüler in einer 7. und 8. Klasse. So konnte dieses Unterrichtsprojekt insgesamt zu einem erfolgreichen (vorläufigen) Abschluß gebracht werden - erfolgreich insofern, als es aus einem gewichtigen Anlaß Hunderte von Schülern zu einer sinnvollen, gemeinschaftsfördernden, kultur- und sprachvermittelnden Arbeit zusammenführte - österreichweit, grenzüberschreitend (in Südtirol wurden mehr als hundert Inschriften gesammelt!) und fächerübergreifend - und zudem ein herzeigbares, beachtenswertes Ergebnis erbrachte, das zumindest in Auswahl auch das Licht der Publikation erblicken soll. Derartiges in dieser Form dürfte wohl erstmals in der Geschichte des österreichischen Bildungswesens stattgefunden haben.

Graz, Kalvarienberg, Dismaskapelle (Foto: Dr. W.J. Pietsch)
Wegen des reichhaltigen, vielfältigen und disparaten Ergebnisses konnte selbst eine Auswahl aus der Gesamt-Sammlung bisher nicht publiziert werden, doch liegen seit der Präsentation in Wien weitere Einzelveröffentlichungen vor, sodaß nun insgesamt rund 30 Publikationen lokaler oder regionaler Inschriften-Sammlungen existieren, teils als selbständige Schriften, teils als Beiträge in Jahresberichten und Zeitschriften. Aufgelistet sind diese Veröffentlichungen in der Zeitschrift IANUS - Informationen zum Altsprachlichen Unterricht, Heft 18, 1997, wo auch ein abschließender Bericht zum Projekt Latein auf Stein abgedruckt ist (Seite 59 - 63).
Dr. Wolfgang J. Pietsch
Akademisches Gymnasium, Bürgergasse 15, Graz
